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Privatfernsehen ohne Happy End – das überraschende Ende der Harald Schmidt Show

Dass auch deutsche Talkmaster nicht vor einem dramatischen Karriereknick gefeit sind, selbst wenn sie auf dem Zenit ihres medialen Erfolgskurses zu stehen schienen, sieht man ja an der Problemgeburt von Tommy Gottschalks neuem TV-Format. Doch jetzt ausgerechnet er: Harald Schmidt fällt in die „Sandbox“ von Sat.1 – der Privatsender erklärte heute die Absetzung des legendärem deutschen Talkshowmasters. Das kam unerwartet und schockte – noch am späteren Montagabend lief Harald Schmidt in seiner aktuellen Ausstrahlung zur persönlichen Höchstform auf – der lakonisch-bissige Humor trieb mir persönlich feuchte Freude in die Augen (und das obwohl mir gerade ne hartnäckige Erkältung jeglich aufkommende Frühlingseuphorie zerstört).

Der Ton zwischen dem Moderator Schmidt und seinem Arbeitgeber-Sender könnte indes auch nicht bissiger sein – offiziell wird der Rausschmiss der Sendung aus dem Programm von Sat.1 mit miesen Quoten erklärt. Auf Gottschalk oder FDP-Niveau sei die Begeisterungsrate für Schmidts Late-Night-Inszenierung geschrumpft. Kritiker beim Sender bemängelten Schmidts Einstellung und begründeten die Abstrafung durch das Publikum mit Fehlverhalten bei der Showbesetzung – also konkret bei Harald Schmidt.

Dieser konterkarierte indes gestern bereits den Sender mit einem eigens entworfenen Werbetrailer, der den gemütlich-assigen „Wohlfühlzuschauer von Sat.1“ (Zitiert nach Stern) als Analogie zum Mainzelmännchen porträtiert, der sich nach dem Biergenuss auf den dicken Wanst übergibt. Zur Schlagphrase „Sat.1 – wenn die andren feiern“ verwandelt sich der Bierbauch in den Sat.1-Ball – diese zynische Karikierung von Sendeanstalt und Zuschauern erscheint im Licht der heutigen Meldung als klarer Fausthieb Schmidts Richtung Privatsender.
Mich hat diese Nachricht in der Tat nicht unbewegt gelassen und ich hielt es sogar zunächst für eine boulevardjournalistische Ente – vielleicht sogar nicht zuletzt, um medienwirksame Aufmerksamkeit zu provozieren. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so schlecht um den grauen TV-Haudegen stehen würde.

Wat lief denn schief, Harald?

Klar – die Sendung wurde für einen Wochentag relativ spät ausgestrahlt, vielleicht zu spät, um die Zielgruppe (denn nicht alle Sat.1 Zuschauer sind sicherlich wohlfühl-betrunken und müssen vielmehr am nächsten Tag als fleißige Arbeitsbienen früh aufstehen oha!) zu erreichen. Ich kann rein inhaltlich jedenfalls nicht nachvollziehen, wo ein Fehlverhalten Schmidts zu finden wäre. Ok, seine Sprüche und Gags waren spöttisch und teils von soviel Hohn geprägt, dass man als Zuschauer neben einem Lachen auch unwillkürlich ein latent brüskiertes „Hoh ohh“ auf den Lippen hatte. Aber gerade das war doch so gut an ihm! Haben wir denn nicht schon genug von lahmen, intellektuell und emotional verstumpfenden Sendungen im Fernsehen? Vom bieder-narzistischen Markus Lanz, über schlecht gemachte Doku-Soaps (ok, zugegeben – sowas kann auch nicht gut gelingen) zu teils mäßig unterhaltsamen Satrireformaten – und ja eben – auch Thomas Gottschalk ist ja immerhin immer noch am Start, wer weiß wie lange, aber dass Harald Schmidt vor diesem Unterhaltungskiller am Vorabend abgesägt würde, hätten viele nicht gedacht.

Show must go on

Unter den meiner Meinung nach doch dominierenden Tenor der Enttäuschung und des Unverständnisses, dass Schmidt gehen muss, reihen sich allerdings auch Stimmen, die dem Entertainer einen Mangel an gelungenen Gags und eigener Meinung attestieren. Dieser Einschätzung kann ich mich wie gesagt nicht anschließen – ich habe Harald gemieden, als er mit Olli P. aka Pocher diese gewollte aber nicht gekonnte Sendung moderierte. Und auch ich habe ihn bei Sat. 1 viel zu wenig gesehen – aber meiner Meinung nach ist dies ein Versäumnis der Sendeleitung und wer weiß welche persönlichen Fehden für diese Entwicklung zumindest mitverantwortlich sind.

Einige spötteln schon, dass das Ende der Show auch das endgültige Ende von Schmidt als TV-Moderator allgemein besiegeln würde. Aber nee, dit wolln wir nicht glauben: Ich sage nicht, dass das deutsche Fernsehen ohne Harald Schmidt verloren ist (aber bitte holt Markus Lanz aus mindestens 3 von gefühlten 28 seiner Sendungen raus), aber ich würde auch niemals wagen, Harald Schmidt ein mediales R.I.P. zu wünschen. Wenn der Talkerhead nicht gerade zum frustigen Ihr-könnt-mich-mal-alle-Eremiten wird, dann wer weiß…gibts vielleicht doch bald noch n Happy End in Form vonner Wiederauferstehung als TV-Messias – bitte Harald, rette unsere Glotze-“Kultur“!

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