Schlaflos in seattle

Beim Häuten der Zwiebel ins eigne Fleisch geschnitten – vom Sündenfall des Günter Grass

 Er war der bewunderte Held mit dem heilenden Zeigefinger fürs deutsche Intellektuellengemüt– sein Werk mir ausschnittsweise bekannt als Pflichtlektüre im Leistungskurs Deutsch. Mir gefiel der „Sound“ seiner Blechtrommel, seitdem nahm ich mir vor, mal mehr und intensiver vom Mann mit dem trotzigen Schnurrbart zu lesen. Günter Grass, Nobelpreisträger und Vorzeigeliterat sowie unermüdlicher Mahner dafür, dass wir unsere Geschichte nicht negieren dürfen, tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis. Ausgerechnet er war dem eigenen Geständnis nach Mitglied in der Waffen SS. Und nachdem sich der empörte und verletzte Sturm über dieses Outing des vermeintlichen Saubermanns Grass gelegt hatte, provoziert dieser nun erneut mit einem Gedicht, das formal eine direkte Anklageschrift darstellt. Sein Adressat: Israel.

Grass’ Botschaft ist uneinsichtig einseitig

Die Abrüstung des Nahen Ostens, die weltweite Vernichtung atomarer Waffenbestände hätten die primären Botschaften des vormaligen Vorzeige-Literaten sein können. Selbstverständlich ist es nicht zulässig, die Absichten der Gegenseite – sprich der iranischen Führung – in Frage zu stellen, indem Grass diese in seinem Gedicht unerwähnt lässt und Israel den schwarzen Peter zuspielt. Das hätte ihm deutlich klar sein sollen, auch in Reflexion, dass ihm seine politische Vergangenheit einen solch unbedachten, unsensiblen Ton verbieten sollte. Und was sollte eigentlich die Formpressung seiner Klageschrift in ein lyrisches Gewand? Hätte Günter nicht auch einen weniger pathetisch kleckernden Essay schreiben können? Vielleicht wäre ihm dann auch ein ausgewogenerer Tonfall gelungen und die wirklich entscheidende Urteilsfällung geglückt, dass die Weltpolitik im Gesamten ihre Verantwortung für die Menschheit einlösen MUSS, den Völkerfrieden zu gewährleisten, damit auch die nachfolgenden Generationen auf diesem Planeten existieren können.

Was gesagt werden darf?

Indes wird nicht nur in den erwähnten Intellektuellenkreisen der Literaturkritiker und FAZ-Leser über die Spaltkraft des politischen Gedichts heiß diskutiert – der Tenor geht hart mit Grass ins Gericht. Auch in der breiten Öffentlichkeit reißt die Publikation eine Wunde auf: Kann man bzw. muss man Antisemitismus bei dieser Art von Kritik unterstellen? Oder ist es gar vielmehr ein mutiges, in Grass’ Worten „Was gesagt werden muss“, das gesagt werden muss und kann, weil wir in einer freiheitlich-liberalen Demokratie ohne Meinungszwang leben wollen.

Ich selbst war letztens in eine Diskussion involviert, die nicht mehr nur über den inhaltlichen Output des Gedichts geführt wurde, sondern sich hauptsächlich um die Frage drehte, ob es eine mediale Hetzkampagne gegen Grass gebe, weil die Medien sowie die politischen und intellektuellen Eliten eine richtungsgebende Meinung vertreten MÜSSTEN. Ach was, wurde gespöttelt, Meinungsfreiheit gäbe es doch schon längst nicht mehr, man dürfe doch eh nix gegen Israel sagen. Das ist das eigentlich Schlimme, so gärtnert sich der tatsächliche rechtsgerichtete Gedankenteppich wieder einen fruchtbaren Boden für seine typischen Theorien – und das auf dem Acker, den Grass sozusagen vorbestellt hat. Ironischwerweise und tja, tragisch eben auch besonders für den Moralisten Grass (dem ich seine politische Betroffenheit stets und weiterhin abnehme).

Fazit:

1. Ich bewerte die Auseinandersetzung mit Günters Gedicht unter dem Generalverdacht des Antisemitismus als wenig fruchtbar. Eine Demokratie lebt auch von der Diskussion, im Habermas-ianischen Sinne sollte die offene Auseinandersetzung zum Diskurs reifen können, sollen und dürfen.

2. Und ob tolerante, demokratische Meinungsfreiheit! Alles andere zu behaupten stellt eine Überheblichkeit gegenüber tatsächlichen Scheindemokratien der heutigen Zeit dar. Zermürmend der Gedanke, dass die Kritik an der hau-drauf-auf Günter-Debatte gleichwohl zum Generalverdacht der „man-darf-nicht-sagen-was-man-denkt“ Propaganda der Rechtsgerichteten ausarten kann. Wieder mal.

Die wahre Gefahr für Demokratie und globalen Frieden sind nicht Gedichte eines 84-Jährigen. Vielmehr ist der Umgang mit diesen Brand-Themen entscheidend. (Fast) Keiner will einen dritten Weltkrieg oder eine postnukleare Zukunft erleben. Egal wer am Ende aus welcher Religion, mit welcher Hautfarbe, aus welchem Pupsihupsi mit wem und weshalb die Scheiße angefangen hat. Das mit dem Fingergezeige kann sich nicht nur Günter, sonder die ganze Welt abgewöhnen.Am Ende kommt es darauf an, was der King sagte: “I’m starting with the man in the mirror”. Und DAS muss ja wohl mal gesagt werden.

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