Harry und Sally

Ein Schwank aus meiner Jugend

Ich wuchs in einem Dorf in Berlin auf. Zumindest zählte (zählt?) es für die Zentralberliner in jedem Fall zum JWD von Berlin.

Als uns einmal unsere Westverwandschaft aus Bremen besuchte, staunte meine Cousine (damals ungefähr 10 Jahre alt) nicht schlecht über die depressive Ortskerngestaltung: „Papa, war hier Krieg?“.

Nun ja, auch wenn ich ihr diesen Spruch lange als Ausdruck westdeutscher Borniertheit übelnahm (jawohl, so viel Zynismus sei auch einer 10-jährigen zuzumuten), muss ich doch eingestehen: Der Ort meiner Kindheit war tatsächlich ein ergrautes Sinnbild realsozialistischer Verfallsphilosophie. Die olle Kaufhalle im Orts“zentrum“ war für uns schon das dollste, was man sich vorstellen kann. In meiner Familie machte man sich ausgehfein – wir hatten ja sonst nischt, wa…

Ich kann mich noch an den HO-laden an der Ecke ganz schwammig erinnern – genau genommen an eine Begebenheit. In dem Laden, wo heute ne schicke Filiale einer Bäckereimegakette ihren Sitz hat, schimpfte mein Vater (keine Ahnung mehr warum) über den „scheiß Osten“. Meine Mutter stieß ihm wütend, aber vor allem auch ängstlich mit dem Ellbogen in die Seite. Es dauerte genau genommen nur wenige Jahre (oder waren es nicht doch Lichtjahre?!), da wich die Ost-Kaufhalle nem Kaiser´s, Parkplätze und Fassaden wurden neu gemacht, sogar meine für alle Zeiten substantiell ostig aussehende Grundschule wurde einer Frischkur unterzogen (sieht, da kann man machen was man will, dennoch für immer ostig aus).

Und das fanden wir natürlich alle toll, sollte doch kein Onkel und dessen Kinder denken, wir lebten in einem Entwicklungsland. Doch ich muss zugeben – ein wenig Unverändertes tut auch gut, denn ich liebte und liebe es – so wie es war.

Da war noch der alte Baum, der krumm und gleich einem Fabelwesen aus dem alten Kino an der „Haupt“strasse aus der Aussenfassade herauswuchs. Das Kino selbst zierte in 60er-Jahre Lettern die Mitteilung: „Das Kino bleibt vorübergehend geschlossen“. Herrlich, dieser Optimismus. Und diese Geduld im Moment.  Ich habe mir manchmal ausgesponnen, dass ich es später mal kaufen werde – der Baum würde dann genau da bleiben. Heul doch, Ossi.

Naja, das freshe Marktpassagen/Einkaufscenter macht natürlich auch dolle was her. Und irgendwie schien nach 17 Jahren auch keiner mehr daran zu glauben, dass das Kino wirklich nur vorübergehend geschlossen haben sollte. So war das ja dann auch insgesamt mit dem Osten. Irgendwie war es doch klar, dass die Veränderung kommen würde, kommen müsste.

Jetzt bekomme ich meine ersten Falten (pfff…steh ich voll drüber pah! *Irony off*) und hoffe, dass mich auch in alt und grau noch jemand liebt. So wie ich es mit meinem ausgestorbenem Dorf getan habe, das  jetzt – wie alles in Berlin – immer jünger & hipper wird.

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