Die Promoterin

Bück dich hoch – moderne Arbeitsmentalitäten

Von Lehrjahren unter Herrenjahren

Der Schlagspruch „Generation Praktikum“ steht stellvertretend für die Ausbeutermaschen der heutigen, modernen Arbeitswelt.
Zwar werden hierzulande keine Kinderhände als billiges Nähwerkzeug für den nächsten Markenpulli geschändet, dennoch spricht ein durchschnittlicher Stundenlohn von 2,50€/Stunde, der gesetzlich legitim ist, auch nicht gerade für eine fair geregelte Beschäftigungspolitik.

Der freie Markt bestimmt seinen Wert eben selbst – und justiert dann damit auch mal fix den Lohn seiner Arbeitnehmer mit. Und warum schuften sich dennoch so viele motivierte und arbeitswillige Menschen im Rahmen einer solchen Vollzeittätigkeit, meist über mehrere Monate, ab?

Wer oder was ist denn überhaupt ein Praktikant?

„Praktikant ist, wer sich für eine vorübergehende Dauer zwecks Erwerb praktischer Kenntnisse und Erfahrungen einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit und Ausbildung, die keine systematische Berufsausbildung darstellt, im Rahmen einer Gesamtausbildung unterzieht, weil er diese für die Zulassung zum Studium oder Beruf, zu einer Prüfung oder anderen Zwecken benötigt.“ ( Entscheidung Bundesarbeitsgericht vom 13. März 2003 (6 AZR 564/01), zit. nach wikipedia.org/wiki/Praktikum).

Ok – mit dem theoretischen Auge betrachtet ist so ein Praktikum gar keine schlechte Idee. Gerade als Uni-Abolvent bleibt einem gar nichts anderers übrig als das mehr oder weniger theorielastige Studium durch Praktika zu ergänzen. Anders hat man als Berufsanfänger wenig Chancen. Stichwort Kreativprekariat. Und wer will schon freiwillig gleich von der Uni ab zum Arbeitsamt? Vom sich unendlich dehnenden Verwaltungsapparat als so genannter “Kunde” geschluckt und verarbeitet werden?

Und so melden sich die Scharen der strebsamen Studenten und Arbeitssuchenden auch fleißig auf die unzähligen Praktika-angebote, die mit ganz ganz tollen Aussichten werben. Nicht nur dass in allen Betrieben, die Praktika ausschreiben, flache Hierarchien herrschen. Nein, bei uns kannst du was lernen und Kaffee musst du natürlich nicht kochen – den gibt’s sogar für alle Mitarbeiter bei uns umsonst. Wir bieten dir neben diesen supi Features eine Praktikumsvergütung auf Verhandlungsbasis (sprich 0-400€) an. Uuuund – du hast bei sehr sehr guter Eignung (sprich du solltest mind. 150% Leistung zeigen und zu (natürlich) unbezahlten Überstunden bereit sein) die Möglichkeit, bei uns übernommen zu werden – als unterbezahlter Trainee oder Volontär versteht sich.
Wenigstens kein Hartz. Auch wenn die Verdienstbedingungen an einen 1-Euro-Job erinnern.

Abzocker des Monats

Zum Glück ist diese Misere schon viel durch die Medien gegangen, öffentlich debattiert worden und es haben einige wirklich kluge Menschen Initiativen wie Fair Company gegründet – von Menschen, die sich aus eigener Erfahrung gegen den Ausbeuterwahn engagieren. Dort können sich Praktikanten nicht nur über ihre (mageren, aber dennoch legitimen) Rechte informieren, sondern Erfahrungsberichte anderer Praktikanten in den einzelnen Unternehmen einsehen. Außerdem kürt fairwork e.V. das “Abzocker-Praktikum des Monats”.

Eine sehr sinnvolle Erfindung im Netz ist in diesem Zusammenhang auch die Arbeitnehmerbewertungsseite kununu.com. Denn joa – lieber erstmal reinschauen und sich den Stress einer Bewerbung und vor allem der vertraglich bindenden Arbeit bei einem Unternehmen ersparen, das aus erster Hand als Arbeitnehmer-fressendes Ausbeutermonster beschrieben wird.

Solche Geschichten bringen zumindest viel mehr Transparenz in diesen dunklen Kosmos, aber das ursächliche Problem wird damit nicht behoben und es sollte dem Gesetzgeber eine Pflicht sein, bei den Arbeitsbedingungen von Praktika, Volontariat und Co. ordentlich nachzuparagraphen.

Auch Fair-Company-Siegel, mit denen viele Unternehmen werben, gelten laut real-praktischen Erfahrungen sehr oft als Etikettenschwindel.

Wann gilt ein Praktikum als Ausbeutung? – Auf jeden Fall, wenn ein Praktikant einen regulären Arbeitnehmer ersetzen muss und der Wert des Lernens dem reinen Zweck der (billig entlohnten) Produktivität weichen muss. Denn ein tatsächlicher fühlbarer Lernerfolg kann für einen interessierten Praktikanten mindestens genauso wichtig wie die monetäre Wertschätzung sein. Beides im Einklang findet man seltener, aber dennoch gibt es sie – die fairen Unternehmen, Start Ups und Betriebe – auch hier könnte die Politik Anreize schaffen, dass diese ihre Praktis eigenverantwortlich gut behandeln. Arbeit muss sich wieder lohnen – warb sogar die liberale FDP im Wahlkampf. Schöne Rede. Noch bleibt allerdings der Konjunktiv, sodass man oftmals nur im Deichkindschen Jargon monieren kann: Arbeit nervt!

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